Wenn nach der vorstehenden Kritik eine nachtheilige Wirkung der Bremsen­larven im Verdauungstractus oder im Kehlkopf nicht vorkommt oder mindestens nicht nachgewiesen ist, so enthält andererseits die Literatur die wohlconstatirten Kranken­geschichten von 2 Pferden, welche durch das Eindringen der Bremsenlarven in das Gehirn eine schwere Störung erlitten und als unheilbar und werthlos getödtet werden mussten. Bruckmüller (Wien. Vierteljahrssohr., VI., 1855, S. 48) beobachtete bei einem einjährigen Fohlen, welches stets gesund gewesen und am 6. Mai 1853 plötz­lich erkrankt war: Gesenkte Haltung des Kopfes, der zugleich mit der rechten Seite etwas nach oben gewendet wurde; Lidverschluss und Erweiterung der Pupille am linken Auge; das rechte Auge normal; taumelnder oder schwankender Gang; Bewusstsein nicht gestört; Futteraufnahme nicht abnorm; anhaltendes Liegen und Un­vermögen, ohne Hülfe aufzustehen. Nach 6 Tagen wurde das Fohlen getödtet. Bei der. Section fanden sich an der linken Seite vor und in der Varolsbrücke mehrere kleine Höhlen und in denselben zwei junge Bremsenlarven, die 12 Linien lang waren. Nach Bruckmüller's Ansicht gehören dieselben zur Species der Nasenbremse. Er meint, dass sie von der Rachenschleimhaut aus durch das zerrissene Loch in das Gehirn gekommen seien. — Siedamgrotzky (Dresd. Ber., XXIX., 1885, S. 15) be­handelte im Mai 1884 einen siebenjährigen Wallach, der bis dahin niemals eine Stö­rung in den Gehirnfunctionen bekundet hatte. Das Pferd zeigte zunächst schwankende Bewegungen und fiel.dann auf die rechte Seite. Es konnte nicht wieder emporgerichtet werden. Bewusstsein nicht gestört, Blick stier, Pupille massig erweitert. Der Kopf wird gestreckt gehalten; die Vordergliedmassen flectirt, der rechte Hinterschenkel gestreckt und der linke in fortdauernder Abwechselung gestreckt und gebeugt. Die Veränderungen in der Temperatur, Respiration und Pulsfrequenz waren unerheblich. Am 4. Tage stellten sich auch Beuge- und Streckbewegungen an den Vorderglied­massen ein. Das Pferd wurde zum Schlachten getödtet. An der rechten Seite des verlängerten Marks, und zwar „am strickförmigen Körper, an der Grenze zwischen Keil- und Seitenstrang, 2 Mm. hinter dem Kleinhirnschenkel zum verlängerten Mark" fand sich ein Hohlraum von 13 Mm. Länge, 7 Mm. Tiefe und 3 Mm. Breite. In dem Hohlraum steckte ein kleiner Parasit, der zwar nicht genau bestimmt werden konnte, aber wahrscheinlich eine in der Häutung begriffene Gastruslarve war.


Behandlung

Schon im vorigen Jahrhundert wurde von den Thier-ärzten nachgewiesen, dass die Larven durch antiparasitische Medicamente nicht getödtet oder aus der Digestionsschleimhaut abgetrieben werden können. Gleich nach dem Auskriechen der Larven aus den Eiern findet sich schon die ausserordentlich grosse Widerstandsfähigkeit derselben gegen Al­kalien, Sauten und empyreumatische Substanzen. Da übrigens die Larven im Allgemeinen nicht gefährlich sind, so ist der Versuch einer Vertreibung derselben aus ihren Wohnsitzen überhaupt nicht indicirt. — Ebensowenig empfiehlt sich eine Präventivcur. Numann (Magaz., 1838, S. 101) meinte, dass den Weidepferden täglich antiparasitische Mittel (Theer, Asa foetida, Wermuthdecoct) auf die Haut gestrichen werden könnten. Dass diese Vorschrift nicht ausführbar ist, bedarf keiner Erläuterung. Auch die nach Numann oft wiederholte Empfehlung, durch häufige Verabreichung schleimiger Mittel die Magenschleimhaut zu schützen, ist nicht berechtigt. Denn die Larven verursachen überhaupt keine Reizung. Es erübrigt hiernach nur, gegen die Ansiedelung und den Parasitismus der Bremsenlarven bei den Weidepferden keine Behandlung zu versuchen. Nach Beendigung der naturgemässen Entwickelungszeit verlassen dieselben ihre Wohnsitze von selbst.


Capitel XXXHI. Krätzmilben.

Die zoologische Ordnung der Milben (Aoarina) umfasst 4 Abtheilungen: a) Wassermilben; b) Sumpfmilben; o) Landmilben; d) Laufmilben. Von der letztgenannten Abtheilung (Laufmilben) werden nach Koch (Uebersicht des Arachnidensystems, 3 Hefte, Nürnberg 1837 — 1847) 5 Familien unterschieden: a) Prachtmilbe, b) Schnabelmilbe, c) Thiermilbe, d) Käfermilbe, e) Lausmilbe. Zur Familie der „Lausmilbe" gehören neben anderen die drei Gattungen: a) Sarcoptes, ß) Dermatocoptes, y) Dermatophagus, die durch ihren Parasitismus auf der Haut der Säugethiere resp. des Menschen die Krätze (Räude) bedingen und deshalb als „Krätzmilben" besonders unterschieden werden.

Erst im gegenwärtigen Jahrhundert ist die zoologische und pathologische Charakteristik der Krätzmilben zum Abschlüsse gebracht. Um dieselbe haben sich die thierärztlichen Forscher Gerlach), Fürstenberg) und Megnin) hervorragende Verdienste erworben. Indem ich auf die mit instructiven Abbildungen ver­sehenen Werke derselben verweise, will ich hier nur hervorheben, dass die Milben getrennten Geschlechtes sind. Aus den Eiern der befruchteten weiblichen Milben bilden sich in 6—7 Tagen die Larven, die in ca. 14 Tagen die Geschlechtsreife erlangen und fortpflanzungsfähig werden. Die weiblichen Milben erreichen ein Alter von 4 Wochen, die männlichen von 6 Wochen. Wie bedeutend die Vermehrung der Milben sich unter geeigneten Bedingungen gestalten kann, ergiebt sich aus der von Gerlach festgestellten Thatsache, dass ein Milbenweibchen täglich 2 Eier legt, die in 3 bis 4 Tagen ausgebrütet werden.

Eine merkwürdige Eigenthümlichkeit zeigen die verschiedenen Gattungen der Milben darin, dass sie sich zum grossen Theil auf der Haut bestimmter Säugethiere resp. des Menschen allmälig einleben und dann — abgesehen von Ausnahmefällen — auf anderen Thiergattungen sich entweder gar nicht mehr oder nur eine kurze Zeit forterhalten und vermehren. Worin diese biologische Eigenthümlichkeit beruht, ist nicht bekannt. Gerlach erachtete dieselbe für so bedeutend, dass er bei allen drei Milben-Gattungen verschiedene Species unterschied, die sich nach Fürstenberg's Charakteristik zoologisch nicht auseinanderhalten lassen. Indess ist der Accommo-dation der Milbengattungen oder -Species doch so viel Werth beizulegen, dass be­sondere „Varietäten" derselben anerkannt werden können.